Meilensteine der Medizingeschichte

 

Meilensteine der Medizingeschichte #1

 

1796: POCKENSCHUTZ-IMPFUNG

Als sich im 18. Jahrhundert die Pockenfälle häuften und die Pest als bis dahin schlimmste Seuche ablösten, suchten Scharen pockenkranker Patienten die Praxis des Landarztes Dr. Edward Jenner (1749 bis 1823) auf.

Dem Arzt fiel auf, dass seltsamerweise kaum eine Melkerin unter den Patienten war, und wenn, dann verlief die Krankheit bei Melkerinnen nur sehr mild. Diese Beobachtung weckte seine Neugier und er ging der Sache nach. Dabei erfuhr er, dass alle Melkerinnen an ihren Händen sogenannte Melkerknoten, das Symptom der Kuhpocken, aufwiesen. Außerdem erzählten ihm die Frauen, sie wären nie von Seuchen betroffen.

Jenner stellte daraufhin einen Zusammenhang her: Er erkannte, dass sich die Melkerinnen mit Kuhpocken angesteckt und dadurch eine gewisse Abwehr gegen die menschlichen Pocken erworben hatten. Der Erreger Orthopoxvirus bovis, der bei Kühen Kuhpocken verursacht, ist zwar auch auf den Menschen übertragbar, führt dann jedoch nur zu leichten Krankheits­verläufen.

Im Jahr 1796 entnahm Jenner der Pockenquaddel einer Melkerin etwas Flüssigkeit und impfte damit einen gesunden achtjährigen Jungen. Bei diesem traten alle Anfangssymptome der Pocken wie Fieber, Kopf- und Rückenschmerzen auf, die Krankheit selbst brach aber nicht aus. Sechs Wochen später verabreichte Jenner dem kleinen Patienten die Erreger der Menschen­pocken, und der Junge blieb gesund.

Nach weiteren Versuchen veröffentlichte der Arzt seine »Untersuchungen über die Ursachen und Wirkungen der Kuhpocken« im Jahr 1798. Da der Impfstoff von Kühen stammte, nannte Jenner ihn Vakzine nach dem lateinischen vacca (Kuh).

Die zunächst kritisch aufgenommene Innovation setzte sich weltweit durch.

Um ihr ehrgeiziges Ziel, die Pocken weltweit auszurotten, zu erreichen, gelang es der WHO im Jahr 1967, dass alle Länder die Impfpflicht einführten. Zu diesem Zeitpunkt erkrankten weltweit jährlich noch 2,5 Millionen Menschen an den Pocken.

Nachdem der Impfstoff weiterentwickelt wurde und in gefriergetrockneter Form vorlag, war er bis zu einem Monat selbst bei tropischen Temperaturen haltbar und damit weltweit einsetzbar.

Am 8. Mai 1980 erklärte die WHO die Pocken für ausgerottet.

Nach dem Sieg über die Pocken rief die WHO dazu auf, alle Virenvorräte bis auf zwei Reservedepots zu vernichten. Offiziell lagert das Virus unter strengem Verschluss heute nur noch in den Forschungszentren der US-amerikanischen Gesundheitsbehörde CDC (Centers for Disease Control and Prevention) und der russischen VECTOR, dem staatlichen Forschungszentrum für Virologie und Biotechnologie in Kolzowo.

Weniger für den unwahrscheinlichen Fall, dass die Viren wieder aufleben, sondern eher zum Schutz vor Laborunfällen oder Terroranschlägen mit Biowaffen, lagern verschiedene Länder, darunter auch die USA und Deutschland, weiterhin Pocken-Impfstoff. Die WHO hält beispielsweise momentan noch etwa 64 Millionen Impfdosen auf Vorrat.

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Meilensteine der Medizingeschichte #2

 

1616: DER BLUTKREISLAUF

Vor über 400 Jahren, am 17. April 1616, präsentiert der britische Mediziner William Harvey seine Forschungen über den Blutkreislauf vor dem Britischen Ärzteverband. Er demonstriert sie in einem einfachen Experiment, indem er einer Versuchsperson zeitweise den Unterarm abbindet. Die geschwollenen Venen zeigen, dass hier Blut nicht zurückfließen kann.

„An der Struktur des Herzens kann man erkennen, dass das Blut kontinuierlich durch die Lungen zur Aorta fließt. Von den Arterien geht das Blut in die Venen über. Daraus folgt, dass sich das Blut ständig im Kreise bewegt, was durch den Herzschlag herbeigeführt wird.“

Er widerspricht damit Galen, dem berühmten griechischen Mediziner, der im 2. Jahrhundert nach Christus die Behauptung aufgestellt hatte, das Blut werde in der Leber aus verdauter Nahrung ständig neu gebildet und die Aufgabe des Herzens bestehe im Wesentlichen darin, es mit „Lebensgeist“ anzureichern.

Harvey stellt eine einfache Berechnung an: Das Herz fasst etwa hundert Milliliter Blut. So viel treibt es pro Schlag in den Körper. Es schlägt 60 Mal pro Minute, bewegt also 360 Liter pro Stunde. Die Leber müsste demnach mehr Blut produzieren, als ein Mensch überhaupt Nahrung aufnehmen kann. Außerdem findet Harvey beim Sezieren keine Herzporen, sondern ein Kammernsystem für Hin- und Rückfluss. Sein Schluss: Das Blut bewegt sich in einem Kreislauf.

„Das bedeutet zwangsläufig, dass das Blut einen Kreislauf beschreibt und dorthin zurückkehrt, wo es seinen Ausgang genommen hat“, schrieb Harvey 1628 in seinem Buch „De Motu Cordis et Sanguinis“ – Über die Bewegung des Herzens und des Blutes“.

Das Echo der Zeitgenossen ist gespalten. Einige erklären Harvey für „verrückt“, aber andere stimmen ihm bald auch zu.

Nur ein Puzzlestein fehlt ihm noch: Harvey kann sich nicht erklären, wie das helle arterielle zum dunklen venösen Blut wird.

1661, nur vier Jahre nach Harveys Tod, entdeckt der Italiener Marcello Malpighi die zarten Kapillaren, die für den Austausch des arteriellen und venösen Bluts verantwortlich sind.

1688 sieht der Niederländer Antoni van Leeuwenhoek zum ersten Mal unter einem Mikroskop, wie rote Blutkörperchen durch Kapillaren zirkulieren.

Dies ist der endgültige Beweis für den Kreislauf des Blutes, von dem wir heute so selbstverständlich ausgehen, dass wir uns etwas anderes kaum noch vorstellen können.

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Meilensteine der Medizingeschichte #3

 

1901: ENTDECKUNG DER BLUTGRUPPEN

Schon über 200 Jahre bevor Karl Landsteiner, ein österreichischer Pathologe und Bakteriologe, erkannte, dass Menschen unterschiedliche Blutgruppen haben, versuchten sich Mediziner an der Bluttransfusion von Tier zu Mensch und Mensch zu Mensch.

Das Gelingen einer Blutübertragung war damals jedoch reine Glückssache. Häufig endete die Behandlung für den Empfänger ohne ersichtlichen Grund tödlich. Denn noch wusste niemand, dass sich nicht jedes Blut eines Menschen mit dem eines anderen verträgt. Untersuchte man die an der Übertragung Gestorbenen, dann zeigte es sich, dass ihre Blutkörperchen verklumpt und deshalb die feinen Blutgefäße verstopft waren.

Das Rätsel um die unerklärlichen Todesfälle löste schließlich Karl Landsteiner 1901 mittels eines Experiments. Er entnahm fünf seiner Mitarbeiter und sich selbst Blut und trennte es durch Zentrifugieren jeweils in Serum und Blutkörperchen. Dann vermischte er die Blutkörperchen einer Probe mit dem Serum einer anderen und stellte fest: Mit dem Serum mancher Menschen verklumpten die Blutkörperchen, mit dem von anderen nicht. Das Blutserum besaß also nicht bei allen Menschen die gleichen Eigenschaften.

Nachdem Landsteiner alle möglichen Kombinationen ausprobiert hatte, kam er zu dem Schluss, dass es drei verschiedene Merkmale geben musste.

Er unterschied im Jahr 1901 schließlich die Blutgruppen A, B und C. Letztere wurde später in 0 umbenannt. 1902 entdeckten Landsteiners Mitarbeiter dann die vierte Gruppe AB.

Landsteiners Forschung machte erstmals sichere Bluttransfusionen möglich und hat bis heute vielen Menschen das Leben gerettet. Anlässlich seines Geburtstags findet jedes Jahr am 14. Juni der Weltblutspendetag statt.

 

Meilensteine der Medizingeschichte #4

 

1897: HEROIN – Vom Hustensaft zur tödlichen Droge

„Schmerzmittel“ – Vor (über) 120 Jahren entwickelte Bayer eine verhängnisvolle Medizin

Als Felix Hoffmann am 21. August 1897 in seinem Labor in Elberfeld steht, ahnt er nicht, … wie viele Leben er mit seiner neusten Erfindung zerstören wird. Der Chemiker experimentiert mit Opiaten. Er testet die Reaktion von Alkaloiden mit Essigsäure. …

Hoffmanns Aufgabe ist es … ein neues Medikament gegen Lungenkrankheiten zu entwickeln. Es soll nicht abhängig machen wie Codein oder das in Verruf geratene Morphium. Dem Schmerzmittel waren die Menschen zum Ende des 19. Jahrhunderts nach der Behandlung reihenweise verfallen. …

Er stellt ein Schmerzmittel her, das in nur wenigen Jahren auf der ganzen Welt konsumiert werden wird. Mediziner werden es begeistert verschreiben, gegen fast jedes Krankheitsbild, mit bestem Gewissen.

Bayer wird horrende Umsätze mit dem Präparat machen. Aber das alles ahnt der Chemiker Felix Hoffmann nicht, als er an jenem Augusttag in seinem Labor in Elberfeld Diacetylmorphin herstellt – heute nur noch bekannt als „Heroin“. …

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Meilensteine der Medizingeschichte #5

 

1928: WUNDERWAFFE PENICILLIN

Manchmal entstehen Wunder ganz zufällig. Oder gar durch eine kleine Schlamperei. So geschehen 1928 am St. Mary’s Hospital in London.

Im September 1928 kehrt der schottische Bakteriologe Alexander Fleming (1881–1955) aus den Sommerferien in sein Labor zurück. Dort stößt er auf eine Petrischale mit einer verschimmelten Bakterienkultur; vor seiner Abreise hat Fleming mit dem Krankheitserreger Staphylococcus aureus experimentiert, und das Gefäß ist ungewaschen auf einem Labortisch stehen geblieben.

Staunend stellt er nun fest: Eine winzige Menge grüner Schimmelpilze hat die Bakterien zerstört. Es gelingt ihm, die bakterientötende Substanz aus dem Schimmel zu extrahieren, er nennt sie: Penicillin.

Flemings Veröffentlichungen finden zunächst kaum Beachtung. Erst der Zweite Weltkrieg verhilft seiner epochalen Entdeckung zum Durchbruch. Ein Forscherteam in Oxford um Howard Florey und Ernst Chain erkennt im Tierversuch, wie verblüffend kraftvoll Penicillin selbst gegen aggressive, normalerweise todbringende Bakterien wirkt. Den Forschern ist sofort klar, dass Penicillin eine wichtige Rolle in der Kriegsmedizin spielen wird.

Allerdings: Es ist extrem mühsam, den Wunderstoff in ausreichenden Mengen zu produzieren. Das US-Militär beteiligt sich an der Suche nach einem Pilzstamm, der größere Mengen Penicillin produziert, sammelt weltweit Bodenproben.

Gefunden wird der Superschimmel dann, so heißt es, in einer verschimmelten Melone vor dem Institut. Endgültig gelöst wird das Mengenproblem, als die Amerikaner eine Methode entwickeln, den Pilz mittels Fermentation zu züchten.

Erste große Feldversuche finden 1943 auf den Schlachtfeldern Nordafrikas statt – mit spektakulärem Erfolg. Soldaten, denen die Ärzte früher Gliedmaßen amputiert hätten oder die an Wundbrand gestorben wären, überleben – dank Penicillin. Ab 1944 steigern die USA die Produktionsmenge so weit, dass schließlich auch die gesamte Zivilbevölkerung versorgt werden kann.

Penicillin gilt in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts als Wunderheilmittel, ist eine der größten Innovationen der Medizingeschichte, rettet unzählige Menschenleben. Flemings Zufallsfund revolutioniert die Behandlung von Infektionen, gegen die Ärzte zuvor nur schwer oder überhaupt nicht vorgehen konnten – etwa bakterielle Lungenentzündung, Scharlach, Syphilis oder Wundstarrkrampf.

Doch der Erfolg hat auch Schattenseiten, die „Wunderwirkung“ der Antibiotika führte mit den Jahren zu einem ausufernden Einsatz. Mediziner verschreiben sie zu schnell und zu oft, in der Massentierhaltung werden sie flächendeckend ausgestreut.

Folge: Gegen Antibiotika entwickeln sich immer mehr resistente Erreger, die Waffe wird stumpf. Heute sind die Forscher gezwungen, immer wirkungsvollere Varianten zu entwickeln.

Fleming mahnt, sinngemäß, schon 1945, als er den Nobelpreis erhält: Wenn wir dieses Mittel verantwortungslos einsetzen, werden wir es wieder verlieren.