Faszination Faszien

Ob im Sport, Fitness oder Yoga, der Osteopathie und Physiotherapie oder der chinesischen Medizin: Faszien sind in aller Munde und gewinnen in der Wissenschaft und therapeutischen Arbeit zunehmend an Bedeutung.

Im Interview mit Dr. Robert Schleip, Pionier in der Faszienforschung, nehmen wir dieses wichtige Sinnesorgan unter die Lupe.

Seine Hauptaktivität ist die Faszienforschung und Entwicklung neuer zuverlässiger Untersuchungsmethoden auf dem Gebiet der klinischen Bindegewebsforschung. Gerne gibt er seine Kenntnisse und Erfahrungen mit Begeisterung in Vorträgen und im Wege praktischer Anleitungen in Workshops und Seminaren weiter. Hierbei greift er auch auf meine mehr als 20-jährige Erfahrung als Lehrer in der Rolfing- sowie Feldenkrais Methode zurück. Als Autor und Herausgeber habe ich an zahlreichen Artikeln für Fachpublikationen aber auch Fachbüchern mitgewirkt.


Hallo Herr Dr. Schleip, können Sie sich bitte kurz vorstellen?

Ich leite das Fascia Research Projekt der Universität Ulm und bin zusätzlich Forschungsdirektor der European Rolfing Association. Gemeinsam mit einem Kollegen-Team internationaler Experten bin ich fasziniert von den vielen – und zum Teil überraschenden – Funktionen, die das fasziale Bindegewebe im Körper ausübt sowie den erst seit wenigen Jahren zur Verfügung stehenden Möglichkeiten, diesem ehemals als bloßes Verpackungsmaterial unterschätzten Gewebe mit modernen und exakten Forschungsmethoden auf die Spur zu kommen. Das Ausmaß der Entdeckungen auf diesem spannenden Weg verschlägt mir dabei immer wieder vor Begeisterung den Atem.

Wie kamen Sie zur Faszienforschung? Was hat sie schon immer an dem Thema interessiert und fasziniert?

Ich wurde 1978 als damals einer der ersten Europäer in Colorado in der sogenannten Rolfing Methode, einer von der amerikanischen Biochemikerin Dr. Ida Rolf entwickelten Tiefengewebsmassage ausgebildet. Dabei wurden wir immer wieder auf die Faszien als das angeblich wichtigste Gewebe für die Körperhaltung sowie auch für Schmerzen im Bewegungsapparat hingewiesen. Das waren jedoch großteils kluge Vermutungen der Begründerin, mit nur dürftigen wissenschaftlichen Referenzen dazu. Da ich von den Wirkungen der Methode sehr beeindruckt war, mir die damals zur Verfügung stehenden Forschungsarbeiten jedoch nicht genügten, habe ich mich dann nach ca. 2 Jahrzehnten erfolgreicher Lehr- und Praxistätigkeit selbst der Grundlagenforschung auf diesem Gebiet zugewandt. Eine Entscheidung, die ich bis heute nicht bereut habe.

Welche wichtigen Erkenntnisse über die Faszien konnten Sie erforschen?

Unsere Abteilung an der Universität Ulm konnte nachweisen, dass Faszien ihre Steifigkeit aktiv selbst regulieren können, unabhängig von dem Tonus der umgebenden Muskeln. Das hängt mit einer Klasse von Bindegewebszellen zusammen, die man erst vor wenigen Jahrzehnten entdeckte, und die sich – ähnlich zur glatten Muskulatur der Eingeweide und Gefäße langsam und nachhaltig kontrahieren können. Auch konnten wir nachweisen, dass es eine Verbindung vom autonomen Nervensystem zur Aktivität dieser Zellen gibt. Mit anderen Worten, wie steif die Faszien sind, hängt nicht nur vom üblichen Muskeltonus ab, sondern auch von anderen Faktoren, inklusive der Grundspannung des autonomen Nervensystems.

Dr. biol.hum. Robert Schleip
Director, Fascia Research Group
Neurosurgical Clinic Guenzburg
Ulm University, Germany
Visiting Professor (IUCS Barcelo)
robert.schleip@uni-ulm.de
www.fasciaresearch.de

 

Was sollte jeder über die Faszien wissen? Welche Rolle spielen sie?

Vielleicht den einfachen Spruch „Wer sich nicht ausreichend bewegt, verklebt.“ Wenn das fasziale Bindegewebe im Alltag vielseitig bewegt wird, bleibt es elastisch und geschmeidig; die Kollagenen Fasern weisen dann an vielen Stellen eine ähnliche Architektur auf wie eine elastische Damenstrumpfhose. Wenn es hingegen nicht ausreichend bewegt wird, beginnt es langsam zu verfilzen; das können wir heute zum Beispiel bei zahlreichen Rückenschmerzen als „vermehrte Adhärenz“ in der großen Lendenfaszie gegenüber der direkt darunter liegenden Rückenmuskulatur mit modernem Ultraschall dokumentieren.

Ist das Training mit der Blackroll wirklich förderlich für Mobilisierung und Regeneration der Muskulatur und der Faszien?

Grundsätzlich ja. So konnten Kollegen von der Hochschule Osnabrück in einer gut gemachten Studie zeigen, dass die Adhärenz der großen Lendenfaszie nach dem Rollen deutlich verbessert wird, mit anderen Worten, dass sie dann geschmeidiger und weniger verklebt ist. Aber wie bei allem, das grundsätzlich gut ist, kommt es auch hier auf die richtige Dosis an; d.h. es gibt immer auch ein paar wenige Anwender, die es schaffen, die Anwendung zu übertreiben. Wer zum Beispiel eine Venenschwäche in den Unterbeinen hat, sollte diese erstmal nur vorsichtig rollen oder sich die korrekte Anwendung in diesem Bereich von einem Experten zeigen lassen.

Worauf liegt der Fokus der Veranstaltung „Faszination Faszien“ in den KÖRPERWELTEN in Berlin und Heidelberg?

Etwas von der Faszination weiter zu geben, die weltweit unter Wissenschaftlern entstanden ist, die sich in den letzten Jahren mit dem faszialen Bindegewebe beschäftigt haben. Sowie auch konkrete Anregungen zu geben, sowohl für helfende Berufe im Gesundheitsbereich als auch für Laien, wie man die Faszien im Alltag besser berücksichtigen und pflegen kann.

Im Rahmen der Veranstaltung werden als Highlight die weltweit ersten Faszien-Plastinate vorgestellt. Was bedeutet das für Sie?

Das ist in der Tat eine historische Sensation, zumindest im Bereich der makroskopischen Anatomie. Während man das fasziale Bindegewebe in der langen Geschichte der darstellenden Anatomie meistens so sauber wie möglich weg geschält hat, um die darunter liegenden Muskeln und Organe möglichst deutlich darzustellen, gibt es jetzt erste systematische Präparationen, in denen das verbindende Gewebe, die Faszien, in den Vordergrund gestellt wird. Durch eine enge Zusammenarbeit der internationalen Fascia Research Society mit dem von Gunther von Hagens begründeten Institut für Plastination ist es jetzt erstmals gelungen, solche einzelnen Aspekte des menschlichen Faszien-Netzwerkes als dreidimensionale Plastinate darzustellen. Das ist nicht nur neu, sondern auch bezaubernd schön, da hier die schillernd-transparente Eigenschaft der Faszien ähnlich zum Ausdruck kommt, wie das bisher nur Chirurgen vom lebenden menschlichen Körper kannten.

Für wen empfehlen Sie die Veranstaltung?

Für jeden, der Freude daran hat, etwas Neues über den menschlichen Körper zu lernen. Das Thema Faszien ist ja derzeit nicht nur im Fitnessbereich hochinteressant, sondern bietet auch ein neues Verständnis und neue Möglichkeiten im Umgang mit vielen Störungen im Bewegungsapparat, sei es bei Rückenschmerzen, Schultersteife, Spannungskopfschmerzen und vielen anderen Störungen. Deswegen wird die Veranstaltung besonders für Therapeuten, aber auch für Laien wertvoll sein, die hierzu neue Anregungen suchen. Großes Interesse findet das Thema derzeit auch im Tanz- und Pilates-Bereich sowie in der Yoga-Szene.


Vortrag in den KÖRPERWELTEN:

Faszination Faszien mit Dr. Robert Schleip

In seinem Vortrag bei KÖRPERWELTEN unter anderem die Rolle der Faszien als wichtigstes Sinnesorgan für die Körperwahrnehmung, deren Beitrag zu Rückengesundheit, Nackenschmerzen sowie der allgemeinen Beweglichkeit und gibt Anregungen für eine faszienfreundlichere Bewegungskultur im Alltag.

Highlight der Veranstaltung ist die Vorstellung und Beleuchtung der weltweit ersten Faszien-Plastinate, die in Kooperation mit der Fascia Research Society und dem Institut für Plastination hergestellt wurden.

Di, 24. September | 19 Uhr – KÖRPERWELTEN Heidelberg

Weitere Informationen & Tickets unter: www.reservix.de

Do, 10. Oktober | 19 Uhr – KÖRPERWELTEN Berlin

Weitere Informationen & Tickets unter: www.reservix.de